Schon wieder: unsere Sicht der Dinge

Korfu, im Juli 2015

Liebe Freunde, Kunden und Bekannte,

vielen Dank für Eure Zeilen und auch für eure Empathie für Griechenland. Sicher liegt in Griechenland sehr vieles im Argen und die Zustände sind teilweise dramatisch bis hin zu desaströs, chaotisch – dies vor allem aber in Athen, Patras  und Thessaloniki, und derzeit auch noch auf den Ägäischen Inseln wg. der Flüchtlings-Katastrophe… Ich habe bis vor 10 Tagen immer möglichst viele der Berichte über Griechenland, die Wirtschaft, die Politik, die historischen Zusammenhänge und ihre Auswirkungen, die EU-Politik etc. gelesen. Als aber die Berichterstattung in allen Medien so explodiert ist, und aber auch wirklich jede/r seine Meinung zu Griechenland kundtun musste – die Berichte reichten von ganz rechts bis ultra links und waren teilweise so kontrovers, ja sogar abstrus – da hab  ich mich einfach mal ausgeklinkt. Unsere Emotionen reichten von absoluter Fassungslosigkeit bis hin zu blankem Entsetzen.

Derzeit bekomme ich die Informationen, die für unseren Alltag hier relevant sind, aus 2. Hand vor Ort, und das reicht uns. Ich mag keine Nachrichten mehr sehen und auf Facebook poste ich derzeit fast nur noch Fotos von unseren wunderschönen Törns. Wir haben in den letzten Wochen hier auf und in Korfu und am Festland Thesprotia alles einkaufen können was wir brauchten, wir konnten Geld an den Automaten ziehen und auch Diesel und Benzin waren so wie immer zu bekommen. Es geht alles seinen gewohnten Gang hier, wir haben schönstes Sommerwetter mit angenehmen Temperaturen und können im traumhaft schönen Ionischen Meer schwimmen und baden zum Abkühlen. Die Tourismus Saison ist in vollem Gang, überall sind tagsüber die Strände gut besetzt und abends auch die Restaurants und Bars.

Die griechische Gastfreundschaft wird gelebt und sie ist echt. Jeder Griechenland Reisende ist herzlichst willkommen! Auch Strom- und Wasserversorgung, Strassenverkehr, Busse, Fähren, Flüge – alles funktioniert. Nur die Müllentsorgung macht Probleme, aber das ist im Süden wohl allgemein – und auf den Inseln ganz besonders – ein ungelöstes Problem! Ach ja, auch das muss  noch gesagt werden:  wir kennen in unserem Umfeld keine faulen Griechen! Alle sind am Arbeiten – in der Tourismusindustrie sowieso ungezählte Stunden, weil ja der Service stimmen muss – man ist freundlich und zuvorkommend, beim Einkaufen erhält man ungefragt die Quittungen (inkl. Mehrwertsteuer!) und der Staat bekommt Beiträge und Steuern bezahlt. (…wofür der Staat das Geld dann letztlich verwendet,  ist ja ein anderes Thema).

Wer also Lust, Zeit und ja, auch Geld hat, soll doch gerne herkommen.

Mit herzlichen und sehr sommerlichen Grüssen,

Erika Handschin Bungartz & Günter Bungartz, Brigantine Merlin, Korfu

 

P.S. dieses Schreiben bitte auch gerne mit Freunden teilen!

Zur Lage in Griechenland

Bern & Korfu, im März 2015

 

Seit Frühling 2010 berichten wir sporadisch immer mal wieder über die Lage in Griechenland – selbstverständlich subjektiv, unsere Sicht der Dinge halt. Dies, weil wir in all unseren Gesprächen mit Freunden, Bekannten und Kunden natürlich immer auf DIE Griechen und die Lage in Griechenland angesprochen werden und natürlich auf die möglichen Auswirkungen für andere Länder, die EU, die Weltwirtschaft...

Dass wir dies nun bereits im 6. Jahr machen erstaunt uns selber, damit hätten wir nicht gerechnet! Einige unserer Texte sind auch als Leserbriefe in der deutschsprachigen Griechenland Zeitung abgedruckt worden.

Für uns spürbar angefangen hat eigentlich alles vor den Olympischen Spielen Athen 2004, im Frühjahr 2003 (im 2. Jahr nach der Einführung des Euro als Landeswährung), als ein unsäglicher Bauboom in Korfu, an der Epirusküste und anderswo losging und keiner danach fragte, ob und wie das alles bezahlt werden kann. Geld schien in rauen Mengen vorhanden zu sein, die Preise stiegen und wir fragten uns "wie können die sich das leisten?" Es wurde für uns teuer! Damals hatten wir unseren Liegeplatz noch in NAOK, unterhalb der alten Festung in Korfu.  Eines Freitags hiess es: "der Hafen ist gesperrt für alle Schiffe, weil der Direktor der Olympischen Spiele mit seiner Yacht nach Korfu auf Besuch kommt." Aus der Distanz haben wir die Megayacht dann betrachten können - selten haben wir eine protzigere Yacht gesehen und für uns gedacht, moll, moll, die haben ein ganz schön dickes Portemonnai, die Griechen!

Aus der  Ecke Brüssel hiess es immer mal wieder, dass die Zahlen von Griechenland nicht stimmen - aber passiert ist damals noch nichts. Erst nach der Abwahl der rechten Nea Dimokratia musste im Herbst 2009 die neu gewählte sozialistische Regierung, unter der Führung des glücklosen Jorgos Papandreou, die Wirtschafts- und Schuldenzahlen bekannt geben und in der Folge immer weiter nach unten korrigieren. Die daraus  resultierenden Steuererhöhungen, Renten- & Gehälterkürzungen, Sparmassnahmen, etc. haben nicht zum Ansehen der Partei beigetragen. Im Mai 2012 kam nach 3-maligem Urnengang und mitten in der Wirtschafts- und Politkrise wieder die Nea Dimokratia in einer Koalitionsregierung mit Andonis Samaras ans Ruder. Der charismatische junge und unverbrauchte Alexis Tsipras war da mit seiner Links-Allianz SYRIZA bereits zu einer ernst zu nehmenden Politgrösse herangewachsen. Allein schon die Tatsache, dass er es geschafft hatte, die linken Splittergruppen in einer Partei, mit einem Ziel zu vereinen, lässt auf seine politischen Fähigkeiten schliessen.

Bereits im Frühsommer des letzten Jahres konnte der geneigte Leser erfahren, dass im Staatshaushalt von Griechenland für 2015 ein 2-stelliger Milliarden (!) Betrag fehlen wird und der Bankrott droht, sollten keine neuen Hilfsgelder fliessen. Passiert ist in dieser Richtung aber erst mal nichts.

Die markigen Sprüche aus der Opposition heraus kann  sich Alexis Tsipras nun, seit dem 25. Januar in der Regierungsverantwortung, nicht mehr ganz so leisten. Aber dass er und seine Minister etwas Bewegung in Politik und Wirtschaft im In- und Ausland bringen ist klar. Und selbst die Regenbogenpresse kann sich allein über das optische Erscheinungsbild von Tsipras, Varoufakis und Kouroumblis (der Blinde) auslassen. Mit den Sparmassnahmen hat man zumindest schon mal bei der Kabinettsbildung angefangen: die Regierung Samaras verzeichnete noch 18 Minister (Wikipedia 2 Seiten) gegenüber der Regierung Tsipras mit noch 10 Ministern (Wikipedia ½ Seite!) und 2 zusätzlichen Staatsministern. Ob die linke griechische Regierung längerfristig Erfolg haben wird muss sich zeigen. Interessanterweise finden die Themen von SYRIZA auch teilweise Anerkennung bei Rechtspopulisten in Frankreich, Spanien, Holland, England, u.a.

Mittlerweile ist die erste grosse Pokerrunde mit Brüssel und den Euro-Mitgliedstaaten ausgestanden, Griechenland soll mehr Zeit für Reformen und Massnahmen bekommen. Ob diese realistisch und/oder durchsetzbar sind - und vor allem Wirkung zeigen - wird sich erweisen. Der Ausstieg aus dem Euro und eine Wiedereinführung der Drachme sind wohl vorerst mal vom Tisch. Rettungsgelder sollen fliessen, so dass ein Bankrott des Landes - mit unabsehbaren Folgen für Europa und die Weltwirtschaft - abgewendet werden konnte. Es wird aber weiter gepokert auf beiden Seiten, oder ist das doch eher Eile mit Weile? Zumindest Schäuble und Varoufakis sind sich einig, dass sie sich nicht einig sind, und selbst darin sind sie sich nicht einig... Fakt ist jedoch, dass die rigorose Sparpolitik der Troika in den letzten Jahren Griechenland noch weiter in die Krise getrieben hat und dass nach einer neuen Lösung gesucht werden muss.

Die Tourismus Saison kann/muss jetzt in Angriff genommen werden. Schliesslich erwirtschaftet der Tourismus ja einen Grossteil des griechischen Haushaltes. Es gibt Angaben, die gehen bis zur Hälfte der Jahreseinnahmen.

Wir hoffen, dass die schlechten 7 Jahre nun vorbei sind. Der Sommer kann kommen, wir sind bereit, Euch in Korfu und bei uns an Bord Willkommen heissen zu können oder einfach in Kontakt zu bleiben.

Es grüssen,

Günter Bungartz & Ehefrau Erika Handschin Bungartz mit Bordhund Oskar


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